Naturschützer ziehen gemischte Bilanz zum Volksbegehren Artenvielfalt im Landkreis Mühldorf

Wichtige Impulse, aber noch keine Trendwende

BUND Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz fordern mehr Schub für funktionierenden Biotopverbund, die Renaturierung von Mooren und mehr Unterstützung für Bio-Landwirtschaft.

31.07.2020

Am 01. August 2020 jährt sich die Aufnahme zahlreicher neuer Verpflichtungen in das Bayerische Naturschutzgesetz durch das Volksbegehren Artenvielfalt. Auch im Landkreis Mühldorf hatten rund 17% der Bevölkerung dafür gestimmt, mit hohen Zustimmungswerten sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Was ist seitdem im Landkreis für die Artenvielfalt passiert? Die Kreisgruppen von BUND Naturschutz (BN) und Landesbund für Vogelschutz (LBV) ziehen regional Bilanz.

Wir sind nicht unzufrieden, denn durch das Volksbegehren haben die Themen Artenvielfalt und Insektensterben viel mehr Aufmerksamkeit bekommen und auch bei uns im Landkreis hat sich etwas getan“ bilanziert Dr. Andreas Zahn, amtierender Kreisvorsitzender des BUND Naturschutz. Kommunen, Landwirte und VerbraucherInnen – angestoßen durch das Volksbegehren haben viele verstärkt zum Schutz der Insekten und der Artenvielfalt beigetragen. „Wir beobachten, dass Gemeinden ihre Grünflächen seltener mähen, Landwirte bunten Wiesenränder stehen lassen und in Gärten verstärkt Wildblumen für Insekten blühen“ stellt Günther Weitzer, seit kurzem neuer Vorsitzender der Kreisgruppe des Landesbunds für Vogelschutz fest. Auch die Anlage von hochwertigen Blühflächen durch den Maschinenring und einzelne engagierte Landwirte wird von den Verbänden begrüßt.  Das Volksbegehren hat nach Ansicht der Naturschützer darüber hinaus auch dem Landschaftspflegeverband und wichtigen Naturschutzaktionen im Landkreis Rückenwind gegeben, etwa dem BayernNetzNatur Projekt „Schätze der Eiszeitlandschaft“ oder der Aufwertung der „Eh-da-Flächen“. 

Im Landkreis werden derzeit 5,5% der Ackerfläche und 9,6% des Dauergrünlands nach Kriterien des Ökolandbaus bewirtschaftet. Hier sehen BN und LBV noch Steigerungspotenzial, insbesondere wenn die Nachfrage nach Bioprodukten durch entsprechende Angebote, etwa in Kantinen öffentlicher Einrichtungen weiter verbessert wird. Beide Verbände arbeiten schon seit langem erfolgreich beim Naturschutz mit Landwirten zusammen, so der LBV beim Kiebitzschutz und der BN bei der Landschaftspflege durch Weidetiere. „Trotz heißer Diskussionen während des Volksbegehrens  sind viele Landwirte sehr am Naturschutz interessiert, legen Blumenwiesen an und fördern die Artenvielfalt“ betont Günther Weitzer. „Doch für eine echte Trendwende wäre eine Ökologisierung der EU-Agrarförderungen entscheidend.

Defizite auf lokaler Ebene sehen die Naturschutzverbände besonders beim Moorschutz und beim Biotopverbund. So wäre im FFH-Gebiet Isental eine Wiedervernässenung der Niedermoorstandorte dringend erforderlich, um die besondere Flora und Fauna zu erhalten und das Klimaschutzpotenzial dieses Gebietes auszuschöpfen. Und beim Biotopverbund gälte es, ein Netz aus naturnahen Lebensräumen zu schaffen, die durchaus landwirtschaftlich genutzt werden. „Streifen mit Sonnenblume und Co zwischen Acker und Straße genügen hier aber nicht“ erklärt dazu Andreas Zahn „sie stellen sogar eine ökologische Falle dar, da die hier überwinternden Insekten kaum überleben, wenn die Streifen im Winter umgepflügt werden“. Große Hoffnung setzen die Verbände auf die neuen Uferrandstreifen an Gewässern, denen bei der Biotopvernetzung eine große Rolle zukommen kann, wenn dort artenreiche Wiesen oder Staudenflächen gedeihen dürfen. Auf der Wunschliste der Naturschützer steht auch die insektenfreundliche Mahd, die auf öffentlichen Flächen zum Teil nicht durchgeführt werden kann, weil die entsprechenden Mähgeräte fehlen.

An den Kreistag und die Gemeinderäte richten BN und LBV die Bitte das Thema Biodiversität auch in der Bauleitplanung noch besser zu verankern: Gründächer, Blumenwiesen auf Grünflächen, Ast- und Steinhaufen als Tierhotels, Nisthilfen an Gebäuden  – es gibt viele Möglichkeiten im Siedlungsbereich, die konsequent genutzt werden sollten.  BN und LBV stimmen überein: Nur wenn die Förderung der Biodiversität zusammen mit dem Klimaschutz bei allen Planungen Thema ist, kann es gelingen eine Trendwende beim Schutz der Artenvielfalt zu erreichen. Letztendlich entscheidend für den Erfolg ist, dass jeder Einzelne seinen Beitrag zum Schutz der Natur leistet und alle Beteiligten gemeinsam im engen Dialog nach Lösungen suchen, so das Resümee der beiden Kreisvorsitzenden.

Der BN hat die Umsetzung des Volksbegehrens bayernweit in Form einer Ampel bewertet: https://www.bund-naturschutz.de/volksbegehren-artenvielfalt-aktueller-stand.html

Für Rückfragen: Bund Naturschutz KREISGRUPPE MÜHLDORF AM INN, Prager Straße 6, 84478 Waldkraiburg. 08638-3701, Fax.: 08638 881052