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Kinder+Jugend

Ein Familienfest voller Erfolg - 50. Geburtstag der Kreisgruppe

Vor 50 Jahren wurde die Kreisgruppe des BUND Naturschutz im Landkreis Mühldorf gegründet. Jetzt feierte der Verband das Jubiläum mit einem großen Familienfest im Gasthaus Gallenbach. Bei der anschließenden Abendveranstaltung würdigten Landrat Max Heimerl, MdL Sascha Schnürer sowie MdL Markus Saller in ihren Grußworten die Rolle des BUND Naturschutz im Landkreis.

Ins Schwarze getroffen hatte der BUND Naturschutz mit der Idee, das Jubiläum anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Kreisgruppe mit einem Familienfest zu verbinden. „Frösche über die Straße tragen“, „Fledermauszählung“ und viele weitere Spiele hatten zahlreiche junge Familien zum Besuch im Bio-Gasthaus Gallenbach animiert. Als Renner erwies sich das Bullriding. Großen Anklang fand auch das knifflige Quiz über die Geschichte der Kreisgruppe, die Gewinner wurden noch während des Festes gezogen und konnten sich über Insektenhotels oder Bio-Leckereien freuen. 

Am Abend begrüßte Doris Anzinger-Pohlus, zweite Vorsitzende der Kreisgruppe viele Ehrengäste aus der Politik, benachbarten BUND Naturschutz-Gruppen und befreundeten Verbänden. Die Landtagsabgeordneten Sascha Schnürer und Markus Saller sowie Landrat Max Heimerl würdigten in ihren Grußworten die Rolle des BUND Naturschutz im Landkreis. Dabei verwiesen sie auf die Schwierigkeit, im Landkreis Naturschutz und Regionalentwicklung unter einen Hut zu bringen. Die Beweidungsprojekte und der Toteiskesselweg sind bayernweit bekannt, die Umweltbildung ist erfolgreich und das Wasserbüffelfest lockt jedes Jahr viele Besucher an. Betont wurde das umfangreiche ehrenamtliche Engagement der vielen Aktiven in der Kreisgruppe und in den sechs Ortsgruppen, das klar belegt, wie sehr Natur- und Umweltschutz bei den Bürgerinnen und Bürgern verankert sind. Doch die Erfolge sind bedroht, wie Andreas Zahn in seinem Vortrag betonte: „Aufgrund der Erderwärmung ist mit dramatischen Umweltänderungen in baldiger Zukunft zu rechnen“. Er verwies auf die bereits sichtbaren Folgen des Klimawandelts im Landkreis. Gewässer trocknen immer häufiger aus und der Grundwasserspiegel sinkt. 

Kreisvorsitzender Dr. Andreas Zahn machte klar, dass auch der Landkreis bei der Vorsorge vor Klimaextremen oder beim Biotopverbund noch Nachholbedarf hat und noch nicht ausreichend für zukünftige Witterungsextreme gerüstet ist. Einig waren sich die Naturschützer, das Engagement im Landkreis fortzuführen. Doris Anzinger-Pohlus stellte dazu fest: „Der Erfolg unseres Festes und die Begeisterung der vielen Kinder sind eine tolle Motivation für die nächsten Jahre“.


Interview mit Dr. Andreas Zahn zum 50. Jubiläum

1. Wer hat eigentlich vor 50 Jahren über Naturschutz gesprochen und wie kam die Kreisgruppe Mühldorf letztendlich zustande?
Damals wurde auf die Natur kaum Rücksicht genommen, ein Anlass für die Gründung vieler Kreisgruppen. In Mühldorf ging es etwa um den Uferverbau am Inn, der das Ökosystem schwer schädigte. Auch Müll in der Natur und Amphibienschutz an Straßen waren Thema. Luftverschmutzung und Waldsterben kamen hinzu.

2. Ist es auch heute noch schwierig die Anliegen des Bundes in die Gesellschaft einzubringen?
Artensterben, Plastik-Vermüllung und Klimakatastrophe sind in den Medien zwar laufend präsent. Doch starke gesellschaftliche Kräfte richten sich gegen Natur- und Umweltschutz. So agitieren manche Parteien und Lobbygruppen gegen die "EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur (Nature Restoration Law)", die große Fortschritte bringen könnte, etwa beim Schutz unserer Feuchtgebiete. Doch so ein komplexes Thema lässt sich schlecht öffentlich darstellen. Einfacher ist es mit Aktionen vor Ort, wie unserem Wasserbüffelfest, das einzige seiner Art in Bayern. Es ist weithin bekannt.

3. Wie stark hat sich der Naturschutz in den Köpfen der Menschen mittlerweile etabliert?
Wir erfahren viel Anerkennung, etwa beim Naturschutz durch Büffel, Ziegen und Rinder in unseren Projektgebieten. Ebenso bei Aktionen, vom Kinderprogramm über Baumpflanzungen bis hin zum Apfelfest. Wir sind parteipolitisch neutral und haben den Vorteil, viele Bürgerinnen und Bürger ansprechen zu können.

Allerdings erreicht das Thema Naturschutz viele Leute gar nicht. Ein Beispiel: Trotz jahrzehntelanger Werbung für Naturgärten nehmen öde Zierrasen zu, auf denen Mähroboter Igel schreddern. Oft wird Naturschutz auch zu lokal gesehen, etwa beim Thema Energie. So fordert der BN schon immer die Abkehr von Öl, Gas und Kohle. Ihre Nutzung führt - ganz abgesehen von der Erderwärmung - weltweit zu Umweltkatastrophen. Jetzt wo Windkraft und Sonnenenergie eine Alternative bieten, formt sich aber auch dagegen Widerstand, etwa gegen Windkraft hier bei uns. Doch sind die durchaus vorhandenen Probleme keinesfalls vergleichbar mit denen der Ölförderung, die riesige Landstriche verseucht. Hier müssen wir auch innerhalb der Naturschutzbewegung erklären, warum Windkraft das deutlich kleinere Übel ist.

4. In welchen Bereichen ist eine Verbesserung eingetreten und wo braucht es noch „Nachhilfe“?
Durch EU-Gesetze, insbesondere der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, sind viele Lebensräume besser geschützt. In Bayern wurde dank des "Bienen-Volksbegehrens" die Liste der geschützten Lebensräume erweitert und viele Kommunen bemühen sich um insektenfreundliche Grünanlagen. Die Wasserwirtschaft renaturiert Inn und Isen. Hier arbeiten wir auch gut zusammen, etwa bei der Naturschutzbeweidung im Isental. Unsere Naturschutzbehörde hat viel erreicht: Etwa die bunten Wiesen, entstanden durch das Projekt "Blühendes Inntal". Viele Gewässer wurden im Rahmen der "Schätze der Eiszeitlandschaft" saniert. Initiativen, die wir als BN natürlich unterstützt haben. Durch unseren Toteiskesselweg bei Haag machen wir übrigens überregional auf diese "Eiszeitlebensräume" aufmerksam. Sehr wichtig ist unser Landschaftspflegeverband, für den der BN viele Jahre gekämpft hat. Er organisiert Landschaftspflege durch Landwirte. Die Öko-Modellregion Mühldorfer Land steht für eine nachhaltige Landwirtschaft. Dennoch: Viele Bemühungen kommen in Bayern ins Stocken: So liegt das Ziel „30% Biolandwirtschaft bis 2030“ in weiter Ferne. Auch die Wiedervernässung der Moore für den Klimaschutz kommt kaum voran, gerade hier im Landkreis. Und um den Artenrückgang zu stoppen, fehlt der ambitionierte Ausbau des Biotopverbunds. Der Landkreis Mühldorf ist hier das Schlusslicht Bayerns. In diesem Jahr hat Bayern auch die Mittel für die Landschaftspflege gekürzt und wichtige Arbeiten konnten von den Landwirten nicht mehr durchgeführt werden.

5. Wo sehen Sie in Zukunft die größten Herausforderungen?
Der Klimawandel bedroht Mensch und Natur. Dieses Frühjahr war im Landkreis so trocken, dass sich gefährdete Frösche gar nicht fortgepflanzt haben, weil Wasser fehlte. Zwei, drei solcher Jahre und viele Vorkommen werden aussterben. Die Häufung der Extremwetterlagen trifft viele Arten. Zum Beispiel auch Fische, wenn die Bäche trockenfallen oder überhitzen. Im Hinblick auf die Energiewende ist für uns der Einbezug der Bevölkerung entscheidend. Das Landkreiswerk Mühldorf, das erneuerbare Energien auf kommunaler Ebene fördert, ist ein guter Ansatz.

6. Wo gibt es gerade in unserem Landkreis noch Defizite beim Naturschutzgedanken?
Das Problem ist die Umsetzung, etwa beim Schutz der für uns Menschen lebenswichtigen Ressourcen. Durch Baugebiete wie an der A94 gehen wertvolle Äcker verloren. Das Ziel Bayerns, den Flächenverbrauch zu senken, bleibt auf der Strecke. Auch der Wasserhaushalt ist in Gefahr: Der Grundwasserstand sinkt in Trockenjahren bei uns bedenklich. Nötig wäre, viel mehr Wasser in der Landschaft zurückzuhalten, was auch Hochwässer bei Starkregen dämpft. Zu vielen Bäche sind zu gerade und ohne Auen. Hier könnte mitunter auch der Biber helfen, der durch Dämme Wasser ohne jahrelange Planungen zurückhält. Die Vernässung der Niedermoore, etwa im Isental, wird durch komplizierte Besitzverhältnisse erschwert. Sinnvoll wäre eine ökologische Flurbereinigung, durch die zusammenhängende, renaturierbare Flächen geschaffen werden.

7. Wie kann man sich vor Ort beim BN einbringen?
Bei unseren Ortsgruppen sind helfende Hände höchst willkommen: Bei praktischen Arbeiten wie Biotoppflege und Amphibienschutz aber auch bei der Planung von Aktionen. Da ist Fachwissen zweitrangig, Organisationstalent ist gefragt. Wir suchen auch wieder einen "Bufdi", also jemanden, der bei uns seinen Bundesfreiwilligendienst leistet.

8. Was wünschen Sie dem hiesigen Bund für die nächsten 50 Jahre?
Schon jetzt sind unsere wilden Weiden im Landkreis Vorbild für ganz Bayern. Hoffentlich werden es noch viel mehr! Denn Weidetiere schaffen als Biotopgestalter Artenvielfalt. Natürlich hoffen wir, dass der Zuwachs engagierter Menschen beim BN weiter anhält. Je mehr Köpfe der BN zählt, umso mehr wird unsere Stimme gehört. Und sie ist immer wichtiger in einer sich polarisierenden Gesellschaft, in der Parteien die wie AfD Klimaschutz aktiv bekämpfen. Letztlich kommt es auf die Rahmenbedingungen an: Unsere Arbeit wird nur dann nicht vergebens sein, wenn es gelingt die Klimakatastrophe zu begrenzen. Und wenn der Rückenwind durch die bayrische Politik, der nach einem kurzen Anstieg im Zuge des Bienenvolksbegehrens jetzt zu einem sanften Lüftchen abgeflaut ist, wieder deutlich kräftiger weht.


Impression von der 50-Jahr-Feier


Ein Rückblick auf die letzten Jahre